Überzeuge dich von (Don't) lie to me & Black Sol!

Du bist dir noch nicht sicher, ob du meine Romane mit Signatur und exklusiven Goodies bestellen sollst? Dann lies hier in die ersten Kapitel rein und überzeuge dich selbst!


Black Sol Kapitel 1

 

Ich renne über die Dächer der Stadt. Mein schwerer Rucksack macht meine Bewegungen träge, aber es ist nicht mehr weit, gleich bin ich da.

»Anouk, irgendjemand hat dich gesehen«, ertönt Albertos Stimme über mein Headset. »Die Bullen sind auf dem Weg hierher.«

»Scheiße«, fluche ich und beschleunige meinen Schritt.

Sobald ich an der Kante ankomme, sinke ich auf die Knie. Es ist regnerisch und düster, in den umliegenden Häusern brennt Licht. Ich lege mich auf den Bauch, um weniger aufzufallen. Sollten noch mehr Leute mich sehen und die Polizei rufen, habe ich ein Problem.

Die Feuchtigkeit, die sich im feinen Kies angesammelt hat, sickert durch meine Kleidung. Es ist kein angenehmes Gefühl, aber ich habe das hier mittlerweile so oft gemacht, dass es mich nicht mehr stören kann. Die Regentropfen, die auf mir landen, ignoriere ich genauso.

Ich öffne meinen Rucksack – extra gut gepolstert, damit ja nichts passiert – und hole die Einzelteile meines Gewehrs heraus. Es ist genau für solche Situationen gemacht. Ein Präzisionsgewehr, das man überall hin mitnehmen kann. 

Binnen Sekunden habe ich alles zusammengesteckt und lege den Lauf des Gewehrs auf die unterste Querstrebe des Geländers. Das Fadenkreuz stelle ich so ein, wie ich es brauche – perfekt auf mich abgestimmt. Erst nach mehrmaligem Überprüfen bin ich mir sicher, dass es wirklich passt.

»Er hat gerade seine Suite verlassen«, sagt Alberto. Er sitzt im Auto und verfolgt die Sicherheitskameras des Hotels, in dem sich Juan Benjumea befindet. »Noch schätzungsweise 3 Minuten, bis er draußen ist.«

Ich atme tief durch. »Wie weit sind die Bullen noch weg?«

»Warte«, murmelt mein Kollege. Mehrere Sekunden vergehen, in denen ich mich zu tiefen Atemzügen zwinge. »Verflucht, Anouk. Sie sind so gut wie hier. Brich die Scheiße ab, wir machen das an einem anderen Tag fertig.«

»Vergiss es.« Wir sind schon zu lange hinter Benjumea her. Eine so perfekte Gelegenheit wie heute kriegen wir vielleicht nie mehr.

Es tut mir fast schon leid, dass der Mann so einen langweiligen, stereotypen Tod erleben muss. Aber eigentlich hat er auch gar nichts Besseres verdient. Er ist irgendein bedeutungsloser Abgeordneter des spanischen Parlaments. Seine genaue Rolle habe ich schon wieder vergessen – ich weiß nur, dass er vorhat, sich hier an der Costa del Sol mit der Mafia anzulegen. 

Aber das kann er vergessen. 

Niemand legt sich so einfach mit uns an.

Und heute ist es mein Auftrag, das ihm und allen anderen Politikern, die meinen, sich einmischen zu müssen, ein für alle Mal deutlich zu machen.

»Anouk, du gehst gerade ein gigantisches Risiko ein. Komm schleunigst zurück zum Auto!«, schimpft Alberto mich. Mit einem Knopfdruck deaktiviere ich das Headset. Ich weiß, was ich tue.

Die gläserne Tür öffnet sich. Mein Moment. Zwei Portiere des Hotels treten heraus und halten beide Türflügel offen. Ein Bodyguard tritt aus dem Eingang. Dann Juan Benjumea. 

Er läuft schnell, die Limousine wartet bereits, doch er wird nicht mehr einsteigen. Mit einer ruhigen Bewegung des Gewehrs verfolge ich seine Schritte. Ich atme die feuchte Abendluft tief ein. Mein Finger kitzelt am Abzug. Ein Regentropfen rinnt über meine Stirn. Als ich meinen Atem wieder ausstoße, drücke ich ab. Ich spüre den Rückstoß leicht in meiner Schulter, durch den Schalldämpfer bleibt der sonst so laute Knall aus.

Die Kugel legt 400 Meter in einer halben Sekunde zurück. Dann zerreißt sie Juan Benjumeas Brust.

(Don't) lie to me Kapitel 1

 

Seit ich in der Klinik bin, habe ich kein Zeitgefühl mehr. Irgendwann in all den Wochen habe ich die einzelnen Tage aus den Augen verloren.

   Ist es Donnerstag? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es heute ist.

   Ich mache Mathehausaufgaben. Also, ich sollte sie machen. Aber ich schaue öfter auf die Uhr als auf meine Gleichungen.

   10:52 Uhr. Um 11 Uhr habe ich eine Untersuchung. Ich weiß nicht, warum ich vor den Untersuchungen immer noch nervös bin – das ist gefühlt die hundertste, seit ich hier bin –, aber ich bin es eben.

   Mein ganzer Körper kribbelt. Ich zwinge mich trotzdem dazu, noch ein paar Zahlen in den Taschenrechner einzutippen und das Ergebnis aufzuschreiben, obwohl ich keine Ahnung habe, ob es auch nur ansatzweise richtig ist. Mit Gedanken bin ich bei wesentlich spannenderen und wichtigeren Dingen als diesen dämlichen Gleichungen. Was wird bei der Untersuchung herauskommen? Wie lang dauert es noch, bis ich mir das Geschwafel meiner Mathelehrerin wieder live und in Farbe anhören darf?

   Es klopft an der Tür. Endlich. Ich wische meine Hände an der Hose ab und ein schwarzhaariger Mann – eher ein Junge, er sieht kaum älter aus als ich – kommt in mein Zimmer. Er ist groß und schlank, aber trotzdem muskulös. Kurzgesagt, er hat genau die Figur, bei der einige meiner Freundinnen sofort in Ohnmacht fallen würden. Ich habe ihn noch nie in der Klinik gesehen, aber er trägt die weiße Hose und das azurblaue Poloshirt des Klinikpersonals.

   »Alicia Weiland?«, fragt er. Als ich nicke, fährt er fort: »Ich soll dich zu deiner Untersuchung bringen. Bist du so weit?«

   Erneut nicke ich und schalte meinen Taschenrechner aus.  

   Der Pfleger tritt hinter mich und ich spüre, wie er mir über die Schulter schaut, während er nach den Griffen des Zimmerrollstuhls greift. »Parabelgleichungen?«, fragt er mit skeptischer Stimme.

   »Jap«, bestätige ich und klappe schnell das Buch zu.

   »Ich habe Mathe gehasst«, meint der Pfleger und schiebt mich in dem Rollstuhl aus meinem Zimmer.

   »Naja, es gibt Schlimmeres.«

   »Sicher?« Ich kann das Grinsen aus seiner Stimme heraushören, auch ohne es zu sehen.

   Er fährt mich über den langen Gang und ich versuche, mich nicht komisch zu fühlen – denn auch mehrere Wochen in einem Rollstuhl reichen nicht aus, um gegen die Blicke der Menschen immun zu werden. Ich kann es ihnen am Gesicht ablesen: Sie alle haben Mitleid mit mir, weil ich so ein junges Mädchen bin und schon beinamputiert. Aber das ist nicht mal das Schlimmste an meiner momentanen Lage. Das Schlimmste ist dieser verfluchte Zimmerrollstuhl – hätte ich einen richtigen, wäre ich wenigstens nicht ganz so abhängig von anderen. So müssen sie jedes Mal jemanden schicken, sobald ich eine Strecke von mehr als fünf Metern zurücklegen will.

   »Haben Sie eine Ahnung, wann ich laufen darf? Also auf Krücken?«, frage ich den Pfleger und betrachte die mir mittlerweile so vertrauten Gänge, blende die Leute aus, die sich kurz von ihren Aufgaben abwenden, um mir einen Blick zuzuwerfen. Pfleger und Patienten gleichermaßen, und ich weiß nicht, von wem mich die mitleidigen Blicke mehr nerven.

   »Das kann ich leider nicht sagen. Ich bin erst seit Montag hier, deswegen kenne ich mich noch nicht so gut aus.« Er macht eine Pause, bevor er hinzufügt: »Aber die Ärzte werden es dir schon früh genug erlauben. Dann, wenn du bereit bist.«

   Ich seufze frustriert. »Ich mache jetzt schon seit Wochen diese Physioübungen. Fast jeden Tag. Und trotzdem muss ich immer noch hier drinsitzen.«

   »Bestimmt dauert es nicht mehr lang«, sagt er etwas unbeholfen. Man merkt, dass er das noch nicht lange macht.

   Wir kommen am Aufzug an. Der Pfleger beugt sich um den Rollstuhl, um die Taste zu drücken, aber ich bin schneller. Ich brauche ganz bestimmt keine Hilfe, um auf einen extra tief angebrachten Knopf zu drücken.

   Die Türen öffnen sich sofort, und ich erhasche im Spiegel einen Blick auf das Schmunzeln, das die Lippen des Pflegers umspielt, bevor er sich wieder um einen neutralen Gesichtsausdruck bemüht.

   Der Pfleger schiebt meinen Rollstuhl in den Aufzug und im Spiegel sieht es aus, als wäre er hundert Meter größer als ich. Ich seufze schon wieder. »Ich hab mich so gefreut, als ich endlich so groß war wie die Schüler aus den höheren Klassen.« Ich sage es mehr zu mir selbst als zu irgendjemand anderem.

   Der Pfleger stellt sich neben mich und schaut mir im Spiegel in die Augen.

   »Und jetzt muss ich wieder zu jedem aufschauen.«

   Er geht in die Hocke und lächelt mich an.

   »Besser?«, fragt er.

   Ich lächele zurück, und das reicht als Antwort.

Überzeugt?